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Erste Lautverschiebung
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Die germanische (im germanistischen Zusammenhang „erste“) Lautverschiebung (engl. consonant shift, fachsprachlich kurz „Grimm“, englisch auch Grimm’s law genannt) kennzeichnet den Übergang vom (ur)indogermanischen zum (ur)germanischen Konsonantensystem.cite-ref-1[1] Diese erste Lautverschiebung bewirkte eine deutliche Ausdifferenzierung des (PrĂ€-)Germanischen von den ĂŒbrigen indogermanischen Sprachen. Sie fand höchstwahrscheinlich im 1. Jahrtausend v. Chr. statt, vielleicht in der zweiten HĂ€lfte.

Innerhalb des frĂŒhen Germanischen markiert die erste Lautverschiebung den Übergang vom PrĂ€- zum Urgermanischen. Die zweite Lautverschiebung fĂŒhrte spĂ€ter zur Herausbildung des Hochdeutschen.

Das Lautgesetz der ersten Lautverschiebung wurde 1806 von Friedrich Schlegel sowie 1818 von Rasmus Christian Rask entdeckt und 1822 von Jacob Grimm ausformuliert (daher Grimmsches Gesetz bzw. Rask-Grimm-Gesetz, Rask's Grimm's rule). Allerdings hatte Johann Arnold Kanne das PhĂ€nomen vom Prinzip her schon frĂŒher beschrieben.cite-ref-2[2]

Contents

‱ Datierung
‱ Ausnahmen
‱ Siehe auch
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Datierung

Eine genaue Datierung der ersten Lautverschiebung ist nicht möglich.

Indizien, die fĂŒr die Zeit nach 500 v. Chr. sprechen, sind Lehnwörter, die nicht vorher aus dem SĂŒdosten ins Germanische ĂŒbernommen wurden, aber die erste Lautverschiebung noch mitvollzogen haben:

‱ Das vermutlich skythische Wort *kanbācite-ref-3[3] ‚Hanf‘ (vgl. osset. gĂŠn(ĂŠ), hotansak. kaáčƒhā;cite-ref-4[4] aus dieser Quelle stammt auch griech. kĂĄnnabis (ÎșÎŹÎœÎœÎ±ÎČÎčς)), das im Urgermanischen nach der Lautverschiebung *χanapiz lautete.
‱ *baitā ‚Hirtenrock‘, das im Urgermanischen zu *paiđƍ (vgl. ahd. pfeit ‚Unterkleid‘, woraus bairisch Pfoad ‚Hemd‘) wurde.

Über diese Wörter gibt es aber auch die Meinung, dass es sich nicht um Lehnwörter, sondern um Erbwörter handelt, dann wĂ€ren sie bei der Datierung der Lautverschiebung nicht hilfreich. Eine Übersicht der betreffenden Diskussion gibt Thumb (1907).cite-ref-5[5]

Auch wurde offenbar der Name des keltischen Stammes der Volcae vor der Lautverschiebung entlehnt. Als Walchen oder Welsche bezeichnet er Kelten und spĂ€ter Romanen. Es ist kein Einzelfall, dass ein Nachbarvolk nach dessen nĂ€chstgelegenem Teilstamm benannt wird (was aber eher fĂŒr eine frĂŒhe Entlehnung und Lautverschiebung spricht). So bezeichnen die Franzosen die Deutschen als Alemannen (allemands), die Deutschen die Madjaren als Ungarn.

Einige von den Römern ĂŒberlieferte germanische Namen könnten den Schluss nahelegen, dass die erste Lautverschiebung zumindest im Westen des germanischen Sprachgebietes erst im 1. Jahrhundert v. Chr. durchgefĂŒhrt wurde. Problematisch ist bei diesen aber, dass mit Lautsubstitution gerechnet werden muss: Laute wie [Ξ] und [χ] waren den Römern fremd und sind ihnen zunĂ€chst auch aus dem Griechischen wohl nicht bekannt gewesen, da die griechischen Phoneme, die mit Phi, Theta und Chi geschrieben wurden, im Lateinischen zunĂ€chst als p, t und c, in der klassischen Periode dann als ph, th und ch wiedergegeben wurden und in der vorchristlichen Zeit anscheinend noch Verschlusslaute waren. Die frikativische Aussprache ist erst zur Zeitenwende belegt (jedenfalls nicht vor dem ersten vorchristlichen Jahrhundert, siehe Phonologie der Koine). Genau in dieser Zeit tauchen Schreibungen mit th (fĂŒr [Ξ]) und ch oder h (fĂŒr [χ] oder [h]) auch der germanischen Namen auf. Als weitere mögliche AlternativerklĂ€rungen kommen in Frage, dass germanische Namen ĂŒber keltische Vermittlung zu den Römern gelangten, oder dass sich andere VerĂ€nderungen der germanischen Aussprache (etwa [χ] > [h], wobei [χ] vielleicht als <c> wiedergegeben wurde) widerspiegeln.

‱ Die Stammesnamen Kimbern und Teutonen (lat. cimbri teutonique; nicht etwa chimbri theudonique, wie nach der Lautverschiebung zu erwarten). Diese beiden Namen enthalten insgesamt drei Beispiele der Lautverschiebung.
‱ Der bei Caesar ĂŒberlieferte Flussname Vacalus (= die Waal, einer der beiden großen MĂŒndungsarme des Rheins); etwa 150 Jahre spĂ€ter schreibt Tacitus Vahalis.
‱ Der Stammesname tencteri = die Tenkterer, nicht etwa *then(c)hteri. Dieser Name ist allerdings nur dann ein Beispiel fĂŒr die noch nicht vollzogene erste Lautverschiebung, wenn die fĂŒr diesen Namen meist angenommene germanische Etymologie *ĂŸenχterazcite-ref-6[6] zutrifft.
‱ Uneindeutig ist der Befund bei vier Stammesnamen, die Caesar in Bell. Gall. 2,4,10 im Gebiet der Maas aufzĂ€hlt: „Condruses, Eburones, Caerosos, Paemanos, qui uno nomine Germani appellantur“ (Condruser, Eburonen, Caeroser und Paemanen, die mit einem Namen Germanen genannt werden.) Obwohl Caesar diese StĂ€mme explizit als germanisch bezeichnet, hat die Forschung dennoch meistens angenommen, dass nur der Name „Eburones“ germanisch ist (mit vollzogener Lautverschiebung), wĂ€hrend die drei anderen Namen meist als keltisch angesehen werden. WĂ€ren sie germanisch, so wĂŒrden sie einen Lautstand vor der ersten Lautverschiebung aufweisen.cite-ref-7[7]

FĂŒr eine spĂ€te Lautverschiebung könnte auch sprechen, dass innerhalb der drei indogermanischen „Verschlusslautreihen“ (Tenues, Mediae und Mediae aspiratae), die von dieser LautverĂ€nderung betroffen waren, in den germanischen Einzelsprachen keinerlei Vermischung eingetreten ist. Eine frĂŒhe Verschiebung dieser 3 × 4 Konsonanten hĂ€tte bis zum Beginn der Überlieferung der germanischen Einzelsprachen zu Vermischungen fĂŒhren können, etwa durch Assimilation oder Dissimilation.cite-ref-8[8]

Da kein lateinisches Lehnwort in einer der germanischen Sprachen die Lautverschiebung mitvollzogen hat, muss diese jedenfalls vor der Ausbreitung des Lateinischen in Mitteleuropa ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. abgeschlossen gewesen sein. Auch der Umstand, dass sich die urgermanische Spracheinheit spĂ€testens ab dieser Zeit allmĂ€hlich auflöste, aber alle germanischen Sprachen die Lautverschiebung komplett durchgefĂŒhrt haben, setzt voraus, dass dieser Lautwandel um Christi Geburt in allen Teilen des germanischen Sprachgebietes abgeschlossen war. Sofern die Inschrift auf dem Negauer Helm B den germanischen Namen Harigastiz bezeugt, und möglicherweise darĂŒber hinaus mit teiva- (vgl. anord. TĂœr ‚Kriegsgott‘, tĂ­var ‚Götter‘) auch noch eine Entsprechung von altlateinisch deiuos (woraus lat. deus, Plur. divÄ«), bestĂ€tigt dieses Zeugnis, dass die erste Lautverschiebung bereits um spĂ€testens 50 v. Chr. (zumindest in diesem Dialekt, der nicht nur eindeutig germanisch wirkt, sondern dem Urgermanischen auch noch sehr nahezustehen scheint) abgeschlossen gewesen sein muss.

VerÀnderung der Verschlusslaute

Dieses Lautgesetz beschreibt die Wandlung der urindogermanischen Verschlusslaute im ersten Jahrtausend v. Chr. zu den urgermanischen Entsprechungen. Es bezeugt einige regelmĂ€ĂŸige Übereinstimmungen zwischen frĂŒhen germanischen Verschlusslauten und Reibelauten (Frikativen) mit stimmhaften Verschlusslauten anderer indogermanischer Sprachen, wobei sich Grimm hauptsĂ€chlich auf Latein und Griechisch bezog. In der traditionellen Fassungcite-ref-9[9] lief sie in folgenden drei Phasen ab:

1. Urindogermanische stimmlose Verschlusslaute p, t, k, kÊ· verĂ€ndern sich zu stimmlosen Frikativen f, ĂŸ [Ξ], χ dann h, hÊ· (Tenuis-Spirans-Wandel).
2. Urindogermanische stimmhafte Verschlusslaute b, d, g, gÊ· werden zu stimmlosen Verschlusslauten p, t, k, kÊ· (Media-Tenuis-Wandel).
3. Urindogermanische stimmhafte aspirierte Verschlusslaute bʰ, dʰ, gʰ, gʷʰ werden zu stimmhaften Frikativen (Media aspirata – Media-Wandel); letztlich wurden diese stimmhaften Frikative in den meisten germanischen Sprachen zu stimmhaften Verschlusslauten b, d, g, gʷ, dann w.

Die stimmhaften aspirierten Verschlusslaute könnten ursprĂŒnglich stimmhafte Frikative gewesen sein, bevor sie sich unter gewissen Bedingungen zu den stimmhaften unaspirierten Verschlusslauten b, d und g verhĂ€rteten, was jedoch von einigen Linguisten bestritten wird (vgl. urgermanische Phonologie).

Diese Lautverschiebung war der erste signifikante systematische Lautwechsel, der in der Linguistik entdeckt wurde. Ihre Formulierung war ein Wendepunkt in der Entwicklung der Linguistik, ermöglichte sie doch die EinfĂŒhrung einer strengen Methodik in der historisch-linguistischen Forschung. Das Lautgesetz wurde erstmals 1806 von Friedrich von Schlegel bzw. 1818 von Rasmus Christian Rask entdeckt und 1822 von Jacob Grimm unter Bezug auf das Standarddeutsche in seinem Werk Deutsche Grammatik ausgearbeitet.

Sprachbeispiele

Die Ergebnisse der ersten Lautverschiebung werden manchmal durch die Auswirkung spĂ€terer Lautwandel in den germanischen Einzelsprachen verdeckt. Bekanntestes Beispiel ist die schon oben erwĂ€hnte hochdeutsche Lautverschiebung. Im Folgenden die anschaulichsten Beispiele fĂŒr die in allen germanischen Sprachen durchgefĂŒhrte erste Lautverschiebung:

| Wechsel | außergermanische, unverschobene Bsp. | germanische, verschobene Bsp. | Lautgesetz |
|---|---|---|---|
| *p→f | 1) agriech. pĆ«Ìs ( Ï€ÎżÏÏ‚ ), lat. pēs ( Gen. pedis ), aind. pā́t ( Akk. pā́dam ), russ. pod ( ĐżĐŸĐŽ ), lit. pėda 2) lat. piscis , ir. iasc | 1) dt. Fuß , engl. foot , got. fƍtus , islĂ€nd. fĂłtur, dĂ€n. fod , norw. schwed. fot 2) dt. Fisch , engl. fish , schwed. fisk , got. fisks | Tenuis-Spirans-Wandel |
| *tâ†’ĂŸ [Ξ] | griech. trĂ­tos ( Ï„ÏÎŻÏ„ÎżÏ‚ ), alb. tretĂ« , lat. tertius , gĂ€l. treas , aind. tritĂĄ , russ. trĂ©tij ( трДтОĐč ), lit. tráșœÄias , toch. A trit , B trite | ahd. thritto (dt. dritte ), engl. third , got. ĂŸridja , islĂ€nd. ĂŸriðji | Tenuis-Spirans-Wandel |
| *k→χ→h | 1) griech. kĂœon ( ÎșύωΜ ), lat. canis , ir. cĂș 2) lat. capiƍ , bret. kavout , alb. kap 3) lat. cor (Gen. cordis ) ‚Herz‘, air. cride , griech. kardiĂĄ ( ÎșαρΎÎčÎŹ ), het. kardi (Dat.) | 1) dt. Hund , nl. hond , engl. hound , got. hunds , islĂ€nd. hundur , dĂ€n. norw. schwed. hund 2) dt. haben , engl. have , anord. hafa , got. haban 3) dt. Herz , nl. hart , engl. heart , schwed. hjĂ€rta , got. haĂ­rtƍ | Tenuis-Spirans-Wandel |
| *kʷ→hÊ· | lat. quod , awal. pa , avest. ka , aind. kĂĄd , lyd. - kod | ahd. hwaz (dt. was ), aengl. hwĂŠt (engl. what ), got. ƕa , islĂ€nd. hvað , dĂ€n. hvad , norw. hva | Tenuis-Spirans-Wandel |
| *b→p | 1) lat. verbera (Plur.) ‚Ruten zur ZĂŒchtigung, Peitsche‘, lit. vir̃bas ‚Reis, Reisig, Gerte‘, russ. vĂ©rba ( ĐČДрба ) ‚Weide‘ 2) lit. dubĂčs ‚tief‘, wal. dwfn , russ. (Ă€lter) debr’ ( ĐŽĐ”Đ±Ń€ŃŒ ) ‚Wald, Tal, Schlucht‘ | 1) nl. werpen , engl. warp , schwed. vĂ€rpa , got. wairpan ‚wenden‘ 2) nl. diep , nd. engl. deep , schwed. djup , got. diups ‚tief‘ | 2. Media-Tenuis-Wandel |
| *d→t | lat. decem ‚zehn‘, ir. deich , griech. dĂ©ka ( ΎέÎșα ), aind. dáƛa , russ. dĂ©sjat’ ( ĐŽĐ”ŃŃŃ‚ŃŒ ), lit. deĆĄimt | nd. teihn ‚zehn‘, nl. tien , engl. ten , got. taĂ­hun , islĂ€nd. tĂ­u , dĂ€n. norw. ti , schwed. tio | 2. Media-Tenuis-Wandel |
| *g→k | 1) lat. gelĆ« , agriech. gelandrĂłs ‚kalt‘, lit. gelumĂ  ‚große KĂ€lte‘ 2) lat. augeƍ ‚ich vermehre‘, agriech. aĂșxein , lit. ĂĄugti , toch. A ok -, B auk - | 1) dt. kalt , nl. koud , engl. cold , norw. kald , got. kalds 2) ahd. ouhhƍn , engl. eke , anord. auka , got. aukan ‚wachsen‘ | 2. Media-Tenuis-Wandel |
| *gʷ→kÊ· | lit. gĂœvas ‚lebend‘, russ. ĆŸivĂłj ( жОĐČĐŸĐč ) ‚lebendig‘, aind. jÄ«vā | ahd. quek (dt. keck ), nl. kwiek , nd. engl. quick , got. qius , schwed. kvick ‚lebendig‘ | 2. Media-Tenuis-Wandel |
| *bʰ→b | lat. frāter , ir. brĂĄthair , russ. brat ( брат ), aind. bhrātā | dt. Bruder , nl. broeder , engl. brother , got. broĂŸar , islĂ€nd. bróðir , dĂ€n. schwed. broder | 3. Media aspirata – Media-Wandel |
| *dʰ→d | wal. dĂŽr ‚TĂŒr‘, lit. dĂčrys , russ. dver’ ( ĐŽĐČĐ”Ń€ŃŒ ), alb. derĂ« , aind. dvā́r- | nd. Döör ‚TĂŒr‘, nl. deur , engl. door , got. daĂșr , islĂ€nd. dyr , dĂ€n. norw. dĂžr | 3. Media aspirata – Media-Wandel |
| *gʰ→g | 1) russ. gost’ ( ĐłĐŸŃŃ‚ŃŒ ) ‚Gast‘, lat. hostis 2) air. gĂ©iss ‚Schwan‘, pol. gęƛ | 1) dt. Gast , nl. gast , aengl. giest , schwed. gĂ€st , got. gasts 2) dt. Gans , nl. gans , engl. goose , islĂ€nd. gĂŠs , dĂ€n. norw. schwed. gĂ„s | 3. Media aspirata – Media-Wandel |
| *gʷʰ→gʷ→w | toch. A kip , B kwĂ­pe ‚Scham, Schande‘ [ 10 ] | dt. Weib * , nl. wijf , engl. wife ‚Ehefrau‘, islĂ€nd. vĂ­f , dĂ€n. schwed. norw. viv | 3. Media aspirata – Media-Wandel |

Einige Linguisten bestreiten diese Herkunft des Wortes

Weib

. Calvert Watkins nimmt als Ansatz das indogermanische

*gÊ·Ê°Ă­bʰ-

.

Dies ist auffallend regelmĂ€ĂŸig. Jede Phase enthĂ€lt nur einen einzigen Wechsel, der ebenso die labialen (p, b, bʰ, f) und dentalen Laute (t, d, dʰ, ĂŸ) wie die velaren (k, g, gʰ, h) und gerundeten velaren Laute (kÊ·, gÊ·, gʷʰ, hw) betrifft. Die erste Phase nahm dem Phonemrepertoire die stimmlosen Verschlusslaute, die zweite Phase fĂŒllte diese LĂŒcke aus, schuf jedoch eine neue LĂŒcke im Phonemrepertoire. Dieser Prozess setzte sich fort, bis die Kettenverschiebung beendet war.

Ausnahmen

Die stimmlosen Verschlusslaute wurden nicht zu Frikativen, wenn ihnen *s (Frikativ) vorausging:

| Wechsel | außergermanische, unverschobene Bsp. | germanische Bsp. |
|---|---|---|
| *sp | lat. spuere , lit. spjĂĄuti | dt. speien , nl. spuien , engl. spew , got. speiwan, dĂ€n. norw. schwed. spy , islĂ€nd. spĂœja |
| *st | lat. stāre , lit. stĂłti ‚sich (hin)stellen, treten‘, russ. stojĂĄt’ ( ŃŃ‚ĐŸŃŃ‚ŃŒ ), aind. sthā - | dt. stehen , nd. stahn , nl. staan , westfries. stean , dĂ€n. norw. schwed. stĂ„ |
| *sk | 1) lit. skurdĂčs ; 2) lat. miscēre , ir. measc | 1) ahd. scurz , engl. short , anord. skort ; 2) ahd. misken (dt. mischen ), aengl. miscian |
| *skÊ· | ir. scĂ©al , wal. chwedl ‚Sage‘ | islĂ€nd. skĂĄld ‚Dichter‘ |

Der stimmlose Verschlusslaut *t wurde ebenfalls nicht zum Frikativ, wenn ihm *p, *k, oder *kÊ· (stimmlose Verschlusslaute) vorausging:

Zu der Zeit, als die stimmlosen Verschlusslaute im Urgermanischen frikatisiert wurden, betraf diese Frikatisierung lediglich stimmlose Verschlusslaute, wenn sie mit dem stimmlosen Verschlusslaut *t verbunden waren. Dieser Sachverhalt wird auch mit den Begriffen PrimĂ€rberĂŒhrungseffekt, DentalberĂŒhrung oder „Germanische Spirantenregel vor t“ beschrieben:

| Wechsel | außergermanische, unverschobene Bsp. | germanische, verschobene Bsp. |
|---|---|---|
| *pt→ft | agriech. klĂ©ptein ( ÎșλέπτΔÎčΜ ) ‚stehlen‘, apreuß. au-klipts ‚verborgen‘ | got. hliftus ‚Dieb‘ |
| *kt→ht | lat. octƍ , ir. ocht , gr. ᜀÎșτώ | dt. nl. acht , engl. eight , got. ahtĂĄu , islĂ€nd. ĂĄtta |
| *kÊ·t→h(w)t | agriech. nĂœx , Gen. nyktĂłs (ΜύΟ, ΜυÎșτός), lat. nox (Gen. noctis ), lit. naktĂŹs , aind. naktam | dt. Nacht , nl. nacht , engl. night , got. nahts , islĂ€nd. nĂłtt |

Die „widerspenstigste“ Gruppe offensichtlicher Ausnahmen von der ersten Lautverschiebung, die fĂŒr einige Jahrzehnte eine Herausforderung fĂŒr die historischen Sprachwissenschaften darstellte, wurde schließlich im Jahre 1875 durch den dĂ€nischen Linguisten Karl Verner erklĂ€rt (siehe Vernersches Gesetz).

Beziehungen zu den anderen StÀmmen der Indogermania

Betrachtet man die erste oder germanische Lautverschiebung im Zusammenhang mit den VerĂ€nderungen, wie sie in den anderen indogermanischen Sprachen belegt sind, so lĂ€sst sich eine Übereinstimmung innerhalb der unterschiedlichen Zweige der Sprachfamilie feststellen. So stimmt beispielsweise der germanische Wortanfang *b- in der Regel mit dem slawischen, baltischen oder keltischen b-, dem lateinischen *f-, dem griechischen pʰ- und dem bʰ- des Sanskrit ĂŒberein, wohingegen das germanische *f- dem lateinischen, griechischen, altindischen, slawischen und baltischen p- entspricht. Die erstgenannte Gruppe geht auf das indogermanische *bʰ- zurĂŒck, das sich im Sanskrit in identischer Form, in den anderen FamilienstĂ€mmen in modifizierter Form erhalten hat. Die als zweite genannte Gruppe geht auf das urindogermanische *p- zurĂŒck, das nur im Germanischen verschoben wurde, wĂ€hrend es im Keltischen verloren ging und den anderen erwĂ€hnten Gruppen erhalten blieb.

Siehe auch
Literatur

‱ Wolfram Euler, Konrad Badenheuer: Sprache und Herkunft der Germanen. Abriss des Protogermanischen vor der Ersten Lautverschiebung. 240 S., Verlag Inspiration Un Limited, London/Hamburg 2009, ISBN 978-3-9812110-1-6.
‱ Wolfram Euler, Konrad Badenheuer: Sprache und Herkunft der Germanen. Abriss des FrĂŒhurgermanischen vor der Ersten Lautverschiebung. 271 S., Verlag Inspiration Un Ltd., 2. Aufl. London/Berlin 2021, ISBN 978-3-945127-27-8.
‱ Wilhelm Schmidt: Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch fĂŒr das germanistische Studium. 10. verbesserte und erweiterte Auflage, erarbeitet unter der Leitung von Helmut Langner und Norbert Richard Wolf. Hirzel, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-7776-1432-8.
‱ Stefan Zimmer: Usipeten/Usipeter und Tenkterer: Sprachliches. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde. Band 31: Tiszalök – Vadomarius. 2. völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. de Gruyter, Berlin u. a. 2006, ISBN 3-11-018386-2, S. 572–573.

Weblinks

Wiktionary: erste Lautverschiebung

– BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

‱ Übersicht zur ersten Lautverschiebung auf der Homepage von Christian Lehmann, UniversitĂ€t Erfurt
‱ Thomas W. Gamkrelidse, Wjatscheslaw W. Iwanow: Die FrĂŒhgeschichte der indoeuropĂ€ischen Sprachen. Spektrum, 2006, S. 50–57

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Stricker, Stefanie: Grimmsches Gesetz. In: Metzler-Lexikon Sprache. GlĂŒck, Helmut, S. 233–234, abgerufen am 8. Juli 2023 (Stuttgart ; Weimar : Metzler, ISBN 978-3-476-00937-1).
cite-note-22. ↑ Johann Arnold Kanne: Ueber die Verwandtschaft der griechischen und teutschen Sprache. Wilhelm Rein, Leipzig 1804. Siehe F. Bross: Grundkurs Germanistische Linguistik fĂŒr das bayerische Staatsexamen. Gunter Narr, TĂŒbingen 2014, S. 102.
cite-note-33. ↑ Martin Schwartz: „Avestan Terms for the Sauma Plant“, in: Haoma and Harmaline. University of California Press, Berkeley 1989, Seite 123.
cite-note-44. ↑ Michael Witzel: „Substrate Languages in Old Indo-Aryan (RÌ„gvedic, Middle and Late Vedic)“, in: Electronic Journal of Vedic Studies (EJVS) (5-1) 1999, Seite 30.
cite-note-55. ↑ Albert Thumb: Zur Vorgeschichte von got. paida. In: Zeitschrift fĂŒr deutsche Wortforschung, 7. Band. Straßburg: TrĂŒbner, 1905/06. S. 261–267.
cite-note-66. ↑ vgl. Zimmer 2006: 572f.
cite-note-77. ↑ vgl. Euler 2009: 69.
cite-note-88. ↑ Euler 2009, S. 63.
cite-note-99. ↑ Lyle Campbell: Historical Linguistics, 2. Auflage, Cambridge, 2004, ISBN 0-262-53267-0.
cite-note-101. K. T. Schmidt, Klaus Strunk: „Toch. B kwipe ‚Scham, Schande‘, A kip ‚Scham‘, und germ. *wīƀa ‚Weib‘“, in: Indogermanica Europaea: Festschrift fĂŒr Wolfgang Meid zum 60. Geburtstag am 12. 11. 1989. 1989, S. 251–284.
cite-note-112. Calvert Watkins: The American Heritage Dictionary of Indo-European Roots. 2. Auflage. Stichwort: „gʷʰībʰ-“. Houghton Mifflin, Boston 2000, S. 32. (Memento vom 12. April 2009 im Internet Archive)